Sonntag, 14. Juni 2015

Buch

Ich lasse mich gern einen Büchermenschen nennen; denn vielleicht mehr als alles andere sind Bücher meine Welt. "Büchermenschen" heißt die Hauszeitschrift der Buchhandlung, in der ich seit einem knappen Vierteljahrhundert beschäftigt bin. Das Wort "Buchhändler" begann eine sehr anziehende Wirkung auf mich auszuüben, als ich den Buchladen meines Onkels Johann in der Kleinstadt kennenlernte, wo ich zur Realschule ging. Auf die Wände von etwa zwanzig Quadratmetern Fläche verteilten sich die Regale. In mehreren von ihnen standen nur Leihbücher. Ich stöberte allerdings eher bei den ein bis zwei D-Mark teuren Taschenbüchern aus der "Lehrmeister-Bücherei", die für mein Taschengeld zu haben waren, während der Onkel sich weltläufig mit dem einen oder anderen Stammkunden unterhielt. Es war gemütlich in der kleinen Buchhandlung; aber jedesmal musste ich bald schon zum Bus eilen, der mich ins Heimatdorf zurückbrachte.

Das war Mitte der 1960er Jahre. Um die Mitte der 70er schlug ich mächtiger beim Erwerb von Büchern zu. Zum Glück gab der Onkel Preisnachlass. In drei Fortsetzungswerke investierte ich über seinen Laden: in Meyers Enzyklopädisches Lexikon (25 Bände bis 1979), in das Historische Wörterbuch der Philosophie (13 Bände bis 2007) und in die Heidegger-Gesamtausgabe letzter Hand (über 100 Bände bis heute). Onkel Johann kam leider 1980 bei einem Unfall in seinem sportlichen Auto ums Leben. Er wurde 76 Jahre alt. Zwölf Jahre dauerte es dann noch, bis ich weit weg von seinem "Firmensitz" Quereinsteiger in der Buchhandlung war, die jetzt noch meine Brotgeberin ist.

Lange Zeit habe ich mir so gut wie gar nicht bewusst gemacht, dass Buchhändler Händler sind, also in erster Linie weniger Bücherfreunde als Kaufleute. Auch mein einschlägiger Arbeitgeber ließ mich das in den ersten Jahren kaum spüren. Die Geschäfte des Buchkaufhauses gingen so gut, dass sich die Ware wie von selbst verkaufte und ich mir als Mitarbeiter keine erwähnenswerten Sorgen um den Umsatz machen musste. Meine Buch-Fühlung und des Hauses Buch-Führung konnte ich als getrennte Welten imaginieren. Nur so zum Spaß rechnete ich einmal den Kolleginnen und Kollegen den Geldsegen aus, der unserer mehrstöckigen City-Filiale an guten Geschäftstagen pro Minute zufloss. So gold geht es uns mittlerweile schon lange nicht mehr.

Und als wäre die Bezeichnung "Buchhändler" tatsächlich ein zu verschwommener Ausdruck, hat es zumindest die Unternehmensleitung vorgezogen, klarzustellen, dass unsere essenziellen Betätigungsfelder Einkauf und Verkauf sind. Mit der Konsequenz, dass ein eigener Arbeitsraum für einkaufende Buchhändler eingerichtet wurde, wo sie sich dem engen Zusammenhang von Buch und Buchung auf ihre Weise ebenso unmissverständlich verschrieben wie anderswo im Haus die Kassenkräfte. Der umsatzorientierte Kreis hat sich zuletzt mit dem Einüben eines professionelleren Verkäuferverhaltens geschlossen.

Als hätte das die Sprache geahnt, hat sie das Buch-Wesen nicht den Autoren und Lesern – den Büchermenschen im romantischen Sinn – vorbehalten, sondern schon etwa gleichzeitig mit der Erfindung des Buchdrucks die neuzeitlichen Geschäftsleute sich beim Stammwort "Buch" bedienen lassen (Buchführung, Buchhalter, Buchung usw.). Also ist auch das ganze Rechnungswesen ein Produkt von wenngleich pragmatischeren Büchermenschen, und ich sollte mich neu umsehen, um auszukundschaften, was für ein Mensch ich unabhängig von dem mehrdeutigen Ausdruck "Bücher" denn nun bin.